Atari Lynx: er(n)ste Konkurrenz für Nintendo?
Als Nintendo 1989 mit dem Game Boy auf den Markt kam (in Europa 1990), gab es keine ernst zu nehmende Konkurrenz. Eine im Laufe der Jahre schier nicht enden wollende Spielbibliothek (darunter befanden sich wahre Klassiker) und praktisches Zubehör rundeten diese Plattform schnell ab. Als mobile Gaming-Plattform gehörte der Game Boy absolut nicht zum Spitzenfeld. Nicht aus technischer Sicht für diese Epoche. Er schien als Kompromiss zwischen Preis, Leistung und praktischer Anwendung. Hier ist besonders die Batterielaufzeit zu erwähnen.
Diese Lücke wollte Atari mit dem Lynx schließen. Vor allem die grafischen Fähigkeiten − nicht nur in der Darstellung durch das Farbdisplay – boten eine wesentlich bessere Grundlage für diesen Versuch. Von außen fiel sofort auf, dass der Lynx deutlich „klobiger“ daherkam als sein direkter Konkurrent. Auch brauchte er 6 statt 4 AA-Batterien. Und damit bot er auch nicht rund 30 Stunden Vergnügen, sondern nur 4 bis 5 Stunden. Er verbrauchte also einen um 50 % größeren Batteriesatz – und das auch noch sechsmal so schnell. Der Stromhunger kam vor allem durch sein permanent aktiv beleuchtetes Display. Es war in Farbe, mit einer ähnlichen Auflösung zwar, aber anstatt nur 2-Bit – also 4 Graustufen, bot es eine Pracht aus 16 Farben aus einer 12-Bit Palette (4.096 Farben).
Irgendwie klang es auf dem Papier nach einer sehr einfachen Entscheidung: Eine, zwar klobige, Konsole, die allerdings auch deutlich anspruchsvollere Bilder darstellen konnte. Denn der grafische Coprozessor, „Suzy“ mit Namen, konnte weitaus mehr, als Pixel nur schnöde darstellen. Statt Polygone zu berechnen, konnte Suzy Sprites direkt in Hardware vergrößern, verkleinern, strecken und neigen. Damit war der Lynx die erste mobile Konsole, die über eine Unterstützung in Hardware verfügte, um Sprites entsprechend zu verändern.
The leading-edge display was the most expensive component, so the color choice was one of economy. If the low-cost glass and drivers would have supported a million colors, I would have done it.
Doch der Preis der Fähigkeiten in Farbe war relativ hoch. Und zu bezahlen war dieser in Strom. Ein deutlicher Nachteil seinem Konkurrenten gegenüber, dem Game Boy. Viele Spieler, mich eingeschlossen, konnten es nur deswegen ausgiebiger genießen, weil er über einen zeitgemäßen Anschluss für ein Universalnetzteil verfügte. Damit konnte er direkt mit 9 Volt, aus der Steckdose – oder einem Zigarettenanzünder im Auto – gefüttert werden.
Nintendo hatte jedoch bereits zuvor sehr erfolgreich bewiesen, dass es nicht nur auf die technisch beste Konsole ankam. Nein, eine Bibliothek an entsprechend spannenden und abwechslungsreichen Spielen war ebenso wichtig. Durch die wesentlich beschränkteren technischen Fähigkeiten hatte diese Aussage damals noch mehr Gewicht, als heute. Denn aktuell kompensiert man fehlende Originalität und Qualität einfach gerne mit einer entsprechenden Grafikpracht. Dabei verfügte auch Atari über diese Gabe, wahre Klassiker auf den Markt zu werfen. Und ihr 2600er überdauerte als Konsole der 2. Generation sehr lange.
Das erfolgreichste Spiel für den Lynx sollte die Umsetzung von „RoadBlasters“ werden. In Summe kamen allerdings nur 71 Spiele offiziell auf den Markt für diese Konsole. Verglichen mit den weltweit über 1.000 für den Game Boy (Game Boy DMG alleine gerechnet), eine wahre Kleinigkeit. Auch wenn sich darunter durchaus beeindruckende Spiele befanden. Doch würde all das am Ende ausreichen, um Nintendos beginnende Dominanz im mobilen Konsolensektor zu erschüttern?
Direkt zu den beiden Modellen Lynx und Lynx II
1989 - der große Luchs: Atari Lynx
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Steckbrief
| Allgemein | |
|---|---|
| Hersteller | Atari (Entwicklung: Epyx) |
| Erscheinungsjahr | 1989 |
| Preis | 399 DM (Deutschland); US$ 179,95 (USA) |
| Technik | |
| CPU | "Mikey" mit MOS 6502-basiertem 8-Bit-Kern im VLSI Design (bis zu 4 MHz / ø 3,6 MHz) |
| Grafik-Coprozessor | "Suzy", 16-Bit-Grafikchip mit Hardware-Sprite-Skalierung |
| RAM | 64 KiB |
| Video RAM | keiner, Framebuffer im Hauptspeicher |
| Audio | 4-Kanal-Sound, 8-Bit DAC (pro Kanal) |
| Display | |
| Typ | hintergrundbeleuchtetes Farb-LCD (CCFL-Röhre) |
| Diagonale | 3,5" |
| Auflösung | 160 × 102 Pixel (80:51 ≈ 1,57:1), bis 75 Hz |
| Farben | 16 aus einer 12-Bit-Palette (4.096 Farben) |
| Anschlüsse | |
| Medium | ROM-Cartridge mit maximal 1 MB |
| Mehrspieler | ComLynx-Kabel |
| Kopfhörer | 3,5-mm-Klinke, Mono |
| Gehäuse | |
| Abmessungen | 273 × 108 × 38 mm (B × H × T) |
| Gewicht | 519 bzw. 650 g (Konsole alleine bzw. inkl. 6 AA-Batterien) |
| Stromversorgung | 6 AA-Batterien; Adapteranschluss |
| Laufzeit | 4-5 Stunden |
| Markt | |
| Verkaufte Einheiten | 2 Millionen (Lynx I und II) |
| Besonderheiten | |
| Vorbereitet für Links- und Rechtshänder | Ja |
Geschichte
Ursprünglich wurde der Lynx, als „the Handy“, 1986 von „Epyx“ begonnen zu entwickeln. Und zwar von zwei ehemaligen Entwicklern für den Amiga: RJ Mical und Dave Needle. Dabei hat es sich um einen Spieleentwickler aus Redwood City gehandelt, welcher u. a. für die Spiele „4 × 4 Off-Road Racing“, „Barbarian“ und auch „California Games (II)“ bekannt gewesen ist. Allerdings wurde die unfertige Entwicklung aufgrund der hohen Entwicklungskosten an Atari verkauft. Dabei hat „Epyx“ zuerst Nintendo und danach Sega den Deal angeboten, die Konsole anteilig zu übernehmen und zu vermarkten. Aber beide Firmen haben entsprechend abgelehnt. Nintendo ist nur wenige Monate vor dem Release des Gameboys gestanden und Sega hat bereits ebenfalls Pläne gehabt. So ist Atari in den angebotenen Deal eingestiegen. Tragischerweise hat dies aber nicht das Fortbestehen von „Epyx“ gesichert – sie haben am Ende des gleichen Jahres entsprechend Bankrott erklärt. Atari, das zu diesem Zeitpunkt nach zwei gescheiterten Konsolen (den 2600er-Nachfolgern Atari 5200 und Atari 7800) und dem langsam schwindenden Ruhm der 8-Bit Ära dringend frischen Wind gebraucht hat, hat die Konsole mit dem wenig klingenden Namen „Portable Color Entertainment System“ auf der CES 1989 vorgestellt. Manche vermuten, es sollte auf Nintendos Entertainment System (NES) anspielen und das Vermarktungsfahrwasser eben des NES und des Gameboys nutzen können. Andere mutmaßen, dass vielleicht der Name dann doch zu sehr nach Nintendo geklungen und die Rechtsabteilung Ataris hier einen Einspruch erhoben hat. Auf jeden Fall ist das fertige Produkt dann doch als „Lynx“ am Markt erschienen. Ein besonders interessantes Feature des „Lynx“, ein Alleinstellungsmerkmal, ist seine Möglichkeit gewesen, sowohl Rechts- als auch Linkshänder problemlos zu bedienen. Denn man konnte alle Spiele in der Ausgabe um 180° über eine Tastenkombination drehen und somit ein zweites Paar Knöpfe spiegelverkehrt nutzen. Darüber hat der „Lynx“ eben deutlich überlegene Grafikfähigkeiten an sich mitgebracht. Insbesondere, wenn man es mit Nintendos Flaggschiff im mobilen Konsolensektor vergleicht. So haben die Entwickler RJ Mical und Dave Needle das Duo „Mikey“ (CPU) und „Suzy“ (GPU) entworfen. Während „Mikey“ eine VLSI 8-Bit CPU (auf einem MOS 6502 basierend) gewesen ist, hat man sich bei „Suzy“ für ein komplettes 16-Bit „Custom“ Design entschieden. Gerade in der GPU haben sich eine Vielzahl, in Hardware, abgebildeter Funktionen befunden, die diese manchmal fälschlich als „3D-Chip“ titulieren lassen. Aber in Wahrheit bietet die GPU eben Hardware-Scrolling, Blitter-Sprites mit Kollisionserkennung, Hardware-Decodierung von komprimierten Sprites und – „last but not least" – auch Hardware-Manipulation von Sprites in Bezug auf Skalierung, Verzerrung und Drehung. Ein Wehrmutstropfen ist es sicherlich gewesen, dass man, um Software für den „Lynx" zu entwickeln, Amigas kaufen musste. Ausgerechnet von Ataris Erzrivalen Commodore.
Des Luchses Gamemodule sind zuerst sehr flach gewesen, ausgerichtet auf eine optimale Fähigkeit, sie gestapelt aufzubewahren. Allerdings haben sich der Spielwechsel und die sperrige Klappe auf der Rückseite als unnötig hinderlich erwiesen. Dieser Probleme hat sich Atari natürlich angenommen und hat die Module im Laufe der Zeit überarbeitet. Wie den „Lynx“ selbst. Das zweite Design der Module wird das „tabbed“ oder „ridged“ Design genannt. Jedoch hat das zweite Design wieder das Problem aufgeworfen, dass sich die Module nicht mehr ordentlich stapeln ließen. Das ist daran gelegen, dass Atari dem ursprünglichen Design zwei kleine Ohren hinzugefügt hat, damit man sie eben leichter aus dem Luchs bekommt. Doch damit haben sich diese Module allen sinnvollen Versuchen widersetzt, sie einfach ablegen zu können. Also haben sich die Designer noch einmal ans Zeichenbrett begeben und eine dritte Variante entworfen: die sogenannten „curved Lip“ Module. Zwar kann man sie nicht problemlos stapeln, aber durch die gebogene Lippe am Ende lassen sich diese Module sowohl einfach entfernen als auch verwahren. Die ROM-Module können eine Größe von 128 KB, 256 KB, 512 KB und 1 MB haben. Heute gibt es eine immer noch sehr aktive Homebrewcommunity, welche neue Spiele für den Lynx schreibt. Daher sind Anleitungen für dessen Hardware sehr detailliert mittlerweile vorhanden.
1991 – der Luchs wird kompakter: Der neue Lynx oder Lynx II
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Steckbrief
| Allgemein | |
|---|---|
| Hersteller | Atari (Entwicklung: Epyx) |
| Erscheinungsjahr | 1991 |
| Preis | 199 DM (Deutschland 1992); US$ 99 (Basis-Set), US$ 120 (Deluxe-Set) |
| Technik | |
| CPU | "Mikey" mit MOS 6502-basiertem 8-Bit-Kern im VLSI Design (bis zu 4 MHz / ø 3,6 MHz) |
| Grafik-Coprozessor | "Suzy", 16-Bit-Grafikchip mit Hardware-Sprite-Skalierung |
| RAM | 64 KiB |
| Video RAM | keiner, Framebuffer im Hauptspeicher |
| Audio | 4-Kanal-Sound, 8-Bit DAC (pro Kanal) |
| Display | |
| Typ | hintergrundbeleuchtetes Farb-LCD (CCFL-Röhre); Beleuchtung abschaltbar |
| Diagonale | 3,5" |
| Auflösung | 160 × 102 Pixel (80:51 ≈ 1,57:1), bis 75 Hz |
| Farben | 16 aus einer 12-Bit-Palette (4.096 Farben) |
| Anschlüsse | |
| Medium | ROM-Cartridge mit maximal 1 MB |
| Mehrspieler | ComLynx-Kabel |
| Kopfhörer | 3,5-mm-Klinke, Stereo |
| Gehäuse | |
| Abmessungen | 235 × 108 × 51 mm (B × H × T) |
| Gewicht | 441 g (Konsole ohne Batterien) |
| Stromversorgung | 6 AA-Batterien; Adapteranschluss (9 V) |
| Laufzeit | 5-6 Stunden |
| Markt | |
| Verkaufte Einheiten | 2 – 3 Millionen (Lynx I und II) |
| Besonderheiten | |
| Vorbereitet für Links- und Rechtshänder | Ja |
| Neu gegenüber Lynx I | Betriebs-LED, Gummigriffe, Kreuz-Steuerkreuz, leichteres Einlegen der Module |
Geschichte
Der Verkauf des ursprünglichen „Lynx“ ist nicht so erfolgreich vonstattengegangen, wie sich Atari dies gedacht hat. Der Gameboy zeichnet sich durch seine kompakte Bauweise, angenehme Haptik und eine signifikant längere Batterielaufzeit aus. Hier hat der „Lynx II“ vordergründig angesetzt: Durch Verbesserungen in der Fertigungstechnik hat das Gehäuse deutlich verkleinert werden können. Außerdem hat er nun Gummienden aufgewiesen, damit er deutlich angenehmer und rutschfester in der Hand gelegen hat. Damit die Laufzeit auch wirklich deutlich erhöht werden könnte, hat Atari dem Lynx II einen Stromsparmodus für den Bildschirm spendiert: Man hat die CCFL-Röhre für die Hintergrundbeleuchtung jetzt ausschalten können. Sonst ist der „Lynx“ vollständig ident geblieben. Eigentlich ein typisches Hardwareupdate zu jener Zeit: ein überarbeiteter Bildschirm und kompaktere Abmessungen. Die „inneren“ Werte sind jedoch gleich geblieben. Damit ist die Kompatibilität nicht gefährdet worden. Der „Lynx II“ ist hier keine Ausnahme von diesem Prinzip gewesen. Lediglich, neben den Verbesserungen des Bildschirmes, kann man hervorheben, dass Atari den monofonen Kopfhöreranschluss gegen ein zeitgemäßes Stereomodell getauscht hat. Allerdings hat man den „Lynx II“ ohne Zubehör verkauft. So ist der Listenpreis in den USA bei 99 $ gelegen (entspricht in etwa 220 $ 2020). Wie man sehen kann, ist der „Lynx II“ in Deutschland für 199 DM über den Ladentisch gegangen.
Ein Luchs bis zum Ende - und noch viel weiter
Bereits 1993 hat der heimliche Abstieg des „Lynx“ begonnen. Atari hat seinen Fokus auf den bevorstehenden Launch des Jaguars gerichtet. So sind nur mehr ein paar Spiele auf den Markt gekommen. Spiele wie Battlezone 2000. Doch die Lage von Atari, und der hinter den Erwartungen bleibende Erfolg des „Lynx“ selbst, haben es immer schwieriger gestaltet, die aktuelle Generation an Videospielen noch entscheidend zu beeinflussen. Einige Händler in den USA, wie „Toys'R'Us“, haben den „Lynx II“ gut bis Mitte der 1990er verkauft. Auch auf dem Rücken der Veröffentlichung des Jaguars. Jedoch hat selbst der reduzierte Preis mittelfristig nicht ausgereicht, um wettbewerbsfähig zu bleiben. So hat Atari die Unterstützung für seine letzte, und einzige, mobile Konsole 1995 eingestellt. Damit hat der Luchs auch offiziell die ewigen Jagdgründe erreicht. Nach dem kommerziellen Misserfolg des Jaguars 1996 hat sich Atari vollständig mit Einstellung der Hardware- und Spieleentwicklung vom Lynx verabschiedet. Am 30. Juli 1996 ist Atari als Firma dann vollständig von der Bildfläche verschwunden (mit dem Merge mit JTS, Inc.). Oder vielleicht auch nicht? Denn bis heute ist die Community rund um die über 35 Jahre alte Konsole sehr aktiv! Es werden immer wieder neue Homebrew Spiele veröffentlicht und auch Hardware Erweiterungen verkauft, die nicht nur den reibungslosen Betrieb der Spiele ermöglichen, sondern sogar die technischen Limits (Stichwort alle Spiele auf einer Cartridge) erweitern. Wie bereits für den Gameboy und auch Segas „Game Gear“, gibt es auch für den „Lynx“ mit einigem Bastelgeschick verbesserte Bildschirme zum Einbau und einige Ersatzteile, die beide Versionen noch für viele Jahre fit machen dürften. Und auch wenn die Konkurrenten von damals ebenso heute vielleicht Dinosaurier sein mögen, die aus einer anderen Welt zu stammen scheinen, sind sie nicht tot. Kaum eine Konsole von damals weiß sich einem vorzeitigen Ableben so erfolgreich zu erwehren wie der Luchs. Und dies, obwohl mit in Summe 2 Millionen verkauften Stück (weniger als die letzte Gameboy-Variante „micro“), keinesfalls eine erfolgreiche Verbreitung in Dimensionen wie ein „Game Gear“ oder gar der Gigant Gameboy, erreicht worden ist.
Dabei weiß ich es noch, als wäre es erst wenige Wochen her, wie ich meinen eigenen „Lynx“ (den ursprünglichen Luchs), aus seiner Verpackung geholt habe. Zusammen mit 4 Spielen habe ich ihn in einem Geschäft 1992 mehr oder weniger zum Abverkaufspreis erhalten. Unzählige Stunden habe ich damals mit „California Games“, „Crystal Mines II“, „Double Dragon“ und „S.T.U.N. Runner“ verbracht. Dem Power-Connector sei Dank! Andernfalls wäre das Vergnügen zweifellos schneller kostspieliger geworden als der „Lynx“, einschließlich der Spiele.
Zuletzt bearbeitet
Dieser Beitrag wurde zuletzt am 06.10.2026 um 16:43 Uhr von doomguy bearbeitet.
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